Untertage

Wenn es abwärts geht, wirkt auch bloß die Schwerkraft

Zuschauen gilt nicht

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Viele haben – auf welcher Basis auch immer – geglaubt, Donald Trump würde sich im Amt normalisieren, würde von einem hitzigen, unkontrollierten Wahlkämpfer zu einem wenigstens halbwegs besonnenen Politiker werden. Dumm nur, dass er sich selbst nicht für einen Politiker hält. Er ist ein Geschäftsmann und selbst darin nicht besonders fähig; bedenkt man, dass ihn die Banken wiederholt vor der endgültigen Pleite retten mussten. Überlebt hat er finanziell bloß dank seiner Fähigkeit, sich selbst zur Marke zu machen, sich und seinen Namen zu verkaufen, sich für nichts zu schade zu sein. Und jetzt, wo er als Präsident regiert wie ein tollwütiger Hund, sind ihm die Amerikaner auch nicht für die ungehobelte Durchsetzung seiner weltfremden, menschenverachtenden, rassistischen und kurzsichtigen Agenda zu schade. Er versucht, Dinge durchzusetzen, über die vor ein paar Jahren noch nicht einmal an einschlägigen Stammtischen so richtig ernsthaft öffentlich nachgedacht worden wäre. Er stellt die staatliche Förderung für Geisteswissenschaften ein, er gängelt die freie Presse, führt „Krieg“ gegen sie, er verhängt ein Einreisestopp für Menschen aus sieben muslimisch geprägten Ländern, darunter auch Syrien. Angeblich aus Gründen der inneren Sicherheit; während er bewusst die Länder ausklammert, zu denen er Geschäftsbeziehungen pflegt, es ist ein Trauerspiel. Obwohl das Bundesgericht Teile dieses Einreisestopps bereits aufgeweicht hat und die Demokraten das Dekret kippen wollen, obwohl ein breiter und internationaler Widerstand gegen diese abscheulichen Maßnahmen laut wird, obwohl man tief im Inneren weiß, dass es so unglaublich falsch ist, so widerwärtig – weiß man dieser Tage nicht mehr, ob das reicht. Das ist das Schlimmste. Ob es nicht einfach passiert und weiter passieren wird, weil es niemandem mehr gelingt, rechtzeitig einzulenken und die Fahrt Richtung Abgrund zu stoppen. Es ist erst neun Tage her, dass Trump vereidigt wurde. Beinahe jeden Tag gibt es Horrornachrichten, Panik, neue Exekutivanordnungen. Meine Hoffnung immer noch: Dass das System diese Anordnungen zu stoppen weiß, dass Institutionen und Gesetz mit allen verfügbaren Mitteln gegen diesen Irrsinn vorgehen. Aber je mehr ich lese desto unsicherer werde ich.

Weiß dieser Mann, was er tut? Oder ist er einfach irre? Wenn ich ihn darüber reden höre, wie groß die Menge bei seiner Vereidigung war; wenn ich ihn darüber klagen höre, wie schlecht die Presse ihn darstellt, tendiere ich zu zweiterem. Es scheint die Fassungslosigkeit eines Kindes zu sein, jedes Mal, das Erstaunen über eine Welt, die sich nicht mit der Welt deckt, die er wahrzunehmen scheint. Dass es eine Welt außerhalb seiner Wahrnehmung gibt, scheint er unterbinden zu wollen, indem er einfach so lange entgegen jeder Vernunft und Faktenlage regiert, bis die Welt erschöpft zu Boden sinkt. Bitteschön, dann hast du eben Recht, dann ist es eben so oder anders, „alternative facts“. Ich schäme mich fremd, wenn er über Wahlbetrug im großen Stil schwadroniert, wenn er seinen Blick freigibt auf eine Welt, die geprägt ist von Hass, von Wut, von Zorn, „as angry as it gets“ und er offensichtlich außerstande ist, seine eigene Beteiligung an diesem reichlich fatalistischen und vereinfachten Zustand anzuerkennen. Obwohl er den Geheimdiensten via Twitter Nazimethoden vorgeworfen hat, führt ihn seine erste Amtshandlung zur CIA, wo er seine große Liebe und sein unbändiges Vertrauen, seinen nahezu erdrückenden Rückhalt vor irritierten Geheimdienstbeamten kundtut. Es heißt, er habe selbst einige seiner Leute mitgebracht, die an den richtigen Stellen lachen und klatschen. Eine surreale Atmosphäre. In einem Fernsehinterview sagt er, diese Rede sei bahnbrechend gewesen, historisch vielleicht sogar, ein Knaller. Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, künftig würde der US-Präsident im Internet tendenziöse, halbwahre bis komplett erlogene, beleidigende und beschämende Statements absetzen, jeden Tag; er würde in jedem Interview wie getrieben immer wieder seine eigene Großartigkeit betonen, bevor er zu den Themen käme, die wirklich von Belang sind; er würde sich in seiner ersten offiziellen Pressekonferenz mit der Catchphrase aus einer Realityshow verabschieden, der er die Rettung seines Rufs und mutmaßlich seines Kapitals verdankt – ich hätte es nicht geglaubt. Immer öfter halte ich dieser Tage inne und frage mich, ob all das gerade wirklich passiert. Und vor allem: wie wir es stoppen können. Sicher, wir müssen uns alle engagieren, wir dürfen keinen Millimeter zurückweichen vor Rassisten, vor populistischen Vereinfachern, vor selbstverliebten Zynikern, Homophoben, Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern, Fundamentalisten jeder Art. Ich habe Angst, dass es nicht reicht. Ja, seit 2015 wächst das erste Mal in meinem Leben die Angst um die Welt, in der ich lebe. Die Angst davor, sie könne sich dramatisch verändern und das nicht zum Besseren. Die Angst davor, ich müsste dem wider besseren Wissens hilflos und ohnmächtig zusehen.

Wenn wir in diesem Jahr wählen, sollten wir es mit Bedacht tun, im Bewusstsein unserer Verantwortung für die Welt, in der wir leben und in der die leben, die nach uns noch kommen. Wir sollten das Wahlrecht nicht leichtfertig an Manipulateure verschwenden, die wir aus Überdruss, Langeweile und Weltuntergangsromantik dazu benutzen, „denen da oben mal eins auszuwischen“. Bevor Trump gewählt wurde, schrieben einige, wenn er siegreich wäre, wäre mal wieder was los, das wäre spannend, unterhaltsam. Vielleicht verwechseln einige die politische Weltlage ja auch wie Trump mit einer Realityshow. Bloß, dass Trump sich als umjubelter Macher in ihrem Mittelpunkt wähnt und die Gelangweilten als passive Zuschauer. Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr nur als Zuschauer begreifen, auch wenn diese Haltung jahrzehntelang sehr bequem gewesen ist. Bequem, weil man nichts tun musste und sich trotzdem echauffieren konnte.

Bloß zuschauen gilt jetzt nicht mehr.

Bild: Stocksnap.io, Women’s March Washington, 21.01.2017

Herbert

stocksnap_7lmgb4ukg21Bild: Stocksnap.io

Herbert stand bedrohlich schwankend vor dem Hähnchengrill und schrie gelöst: „Siebzehn Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir.“

Seine Haare dünn und ätherisch wie ergraute Reste Zuckerwatte, seine Hände knochig wie versteinerte Fossilien. Wer Herbert sah, im Vorbeigehen oder aus dem Augenwinkel, sah die Vergänglichkeit auf Erden einkehren und fühlte sich unbehaglich. Die Einkaufstaschen wurden schwerer, der Gang schleppender, die Atmung eigenartig pfeifend. Der alte Mann am Hähnchengrill war ein Memento mori des Alltags, das in gütigem Rausch die Jugend anrief.

„Siebzehn Jahr, blondes Haar“, er schien ins Stocken geraten zu sein und suchte in der klaren Flüssigkeit vor sich nach einer Lösung für das Problem. Aus der Brusttasche seiner Jacke ragte unbedarft eine gelbe Gerbera.

„Siebzehn Jahr, blondes Haar“, begann Herbert voller Hoffnung seine Litanei von vorn. Irgendwann würde ihm schon einfallen, wie es weiterging. Irgendwie war es ja immer weitergegangen im Leben.

„Siebzehn Jahr, blondes…“

„Herrgott nochmal, Herbert!“, aus dem mobilen Hähnchengrill schnellte ein verschwitzter Kopf hervor. „Leg mal ’ne andere Platte auf.“

„Hä?“

Herbert war unterdessen eine innige Beziehung mit dem Stehtisch aus Kunststoff eingegangen, an dem er sich auf der Suche nach seinem Text in pathetischem Gestus festklammerte.

„Du sollst mal was anderes singen!“

„Aber ich weiß nich‘, wie’s weitergeht. Siebzehn Jahr, blondes Haar, dann is‘ Schluss. Das is’“, er legte die Stirn in Falten, „wie ne Straßensperre auf der Datenautobahn da oben“. Er tippte sich an die Schläfe und lächelte wie ein Kämpfer, der weiß, dass er verlieren wird. „Da is‘ jetz Geschwindigkeitsbegrenzung, Lutz.“

„Ach, bloß Stau.“, gab der wider besseren Wissens zu bedenken, während sich in seinem Rücken die Hähnchen drehten. „Das wird.“

„Haste noch?“, fragte Herbert und hielt sein Schnapsglas wie eine Trophäe in die Höhe.

„Freilich.“

Bettkastenguerilla

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Bild: Stocksnap.io

Ich lag unter dem weichen Flaum startender Raketen.

Der blaue Frotteestoff meiner Bettdecke lastete, den ganzen Himmel symbolisierend, unverdrossen auf mir. Erfüllte damit seinen Zweck und seine Aufgabe. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich hatte es schwerer. Für mich reichte es nicht aus, irgendwo träge herumzuliegen, bloß zu sein, ohne Wenn und Aber. Meine Existenz musste ich mir irgendwie verdienen, auch wenn ich nicht wusste, worin dieser Verdienst bestehen könnte. Ich war keinem nützlich und für niemanden wertvoll, außer vielleicht für die schreiend bunten Flugobjekte, die jede Nacht auf mir ins All entwischten. Ich war die Start- und Landebasis für große Weltentdecker, für Überflieger und Grenzenlose. Gern hätte ich das jemandem erzählt. Noch lieber wäre ich mit geflogen.

Ich war zwölf Jahre alt und hatte in der Dunkelheit mehr Angst vor meinem eigenen Schatten als vor den Monstern unter meinem Bett. Die leisteten mir schließlich, davon war ich überzeugt, so beständig Gesellschaft als gäbe es nichts Vergnüglicheres als meine Gegenwart. Gelegentlich verloren sie einzelne weiche Haare, die sich als Knäuel mit allerlei Unrat zu einem Häuflein verwirrten, das meine Mutter despektierlich „Staub“ nannte. Für mich aber waren es Beweise einer mir zugewandten Spezies, die jederzeit woanders ihr Unwesen hätte treiben können; wenn es bei mir nicht warm, trocken und wundervoll gewesen wäre. Ich nannte sie liebevoll die „Bettkastenguerilla“,auch wenn ich damals nicht wusste, was „Guerilla“ bedeutete. Ich hatte das Wort vor kurzem aufgeschnappt, mehr zufällig, als ich im Pyjama die Nachrichten sah. Und den Bildern nach zu urteilen, die über unseren Röhrenfernseher huschten, war die Guerilla etwas Kämpferisches, etwas Wehrhaftes. Etwas, das sich verbarg in Gestrüpp und Unterholz und so exzellent tarnte wie meine Genossen der Nacht.

Und trotzdem ich von meiner flusigen Guerilla niemals mehr als ihre wattigen Hinterlassenschaften fand, schien sie mir immer schon präsenter zu sein als meine Eltern. Deren Hinterlassenschaften sammelten sich in Form von Wein-, Schnaps- und Bierflaschen fast überall in der Wohnung und rotteten sich zu Grüppchen zusammen. Ihre Hinterlassenschaften waren nicht weich und samtig. Ihre Hinterlassenschaften zeugten nicht davon, dass sie gern bei mir waren. Sie zeugten, wenn überhaupt, all die Jahre nur davon, dass sie genauso ungern bei sich selbst waren.

Wahnvehikel

mw3ld2k9bkBild: Stocksnap.io

Verena sucht Halt.

Möglicherweise sucht auch der Halt Verena. Das wissen wir nicht. Ihr Blick ist ruhelos, flackernd wie eine Glühbirne kurz vor dem Erlöschen. Ihr Atem ein stotternder Motor, ihre Hände bloß Atavismen. Früher, ja, damals, konnte sie mit ihnen zupacken, handgreiflich werden im proaktiven Sinne, nicht gewalttätig natürlich, sondern hemdsärmelig auch in einer Damenbluse. Heute erscheinen sie ihr verstörend nutzlos. Wo kann sie schon mit ihnen zugreifen? Was kann sie schon mit ihnen anpacken? Wie kann sie sich mit ihnen herauswinden aus dieser Situation, in der das Alltägliche sich als Desaster interessant zu machen versucht?

Ihre tauben Finger legen Waren in bunten Verpackungen auf das Band, über das die Kassiererin routiniert die Kontrolle ausübt. Sie ist sich ihrer Macht gar nicht bewusst. Verenas Welt schnurrt in Gummibandgeschwindigkeit auf die Größe eines Nussschaleninhalts zusammen. Wenn sie das Brot nicht bezahlt, wird sie nichts zu essen im Haus haben, wird sie beobachten müssen, wie das Loch in ihrem Magen in ihren Verstand ausstrahlt. Aber sie kann nicht atmen. Sie kann nicht schlucken. Obwohl sie überzeugt ist, dass sie beides zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihres Lebens gelernt haben muss, gehorcht ihr Körper nicht.

„Entschuldigen Sie, ich…“, mit ihrem Ellbogen schiebt Verena sich an einer Kundin vorbei, deren Multifunktionsjacke hauptsächlich aus mit etwas Stoff vernähten Reißverschlüssen besteht. Der Körperkontakt ekelt sie, obwohl sich die Frau bei näherer Betrachtung als wohltuend attraktiv und gepflegt herausstellt. Sie ist so akkurat hergerichtet wie das Rasenstück eines Kurorts. Aus ihrem Nacken weht ein blumiger Duft. Und doch: Verenas Körper ist ein Vehikel des Wahns Richtung Abgrund, irgendwie ungegenständlich. Wohingegen diese Frau es sich erlaubt, in ihrer selbstverständlichen Körperlichkeit dort zu stehen wie eine massive Eiche.

­“Darf ich mal…“, Verena räuspert sich. „vorbei, ich muss, ich habe“, sie holt tief Luft, „vergessen. Etwas. Ich, im Auto.“

Fragmente einer Sprache lösen sich wie Diamanten aus einer Mine. Noch unbearbeitet und mit bloßem Auge kaum als die Kostbarkeit zu erkennen, die sie sind, rollen sie auf den gefliesten Boden des Supermarkts.

Niemand hebt sie auf.

Verena schlägt mit den Ellbogen zuerst auf; wahrscheinlich bei dem naiven Versuch, sich noch abzustützen.

Niemand hebt sie auf.