Wahnvehikel

mw3ld2k9bkBild: Stocksnap.io

Verena sucht Halt.

Möglicherweise sucht auch der Halt Verena. Das wissen wir nicht. Ihr Blick ist ruhelos, flackernd wie eine Glühbirne kurz vor dem Erlöschen. Ihr Atem ein stotternder Motor, ihre Hände bloß Atavismen. Früher, ja, damals, konnte sie mit ihnen zupacken, handgreiflich werden im proaktiven Sinne, nicht gewalttätig natürlich, sondern hemdsärmelig auch in einer Damenbluse. Heute erscheinen sie ihr verstörend nutzlos. Wo kann sie schon mit ihnen zugreifen? Was kann sie schon mit ihnen anpacken? Wie kann sie sich mit ihnen herauswinden aus dieser Situation, in der das Alltägliche sich als Desaster interessant zu machen versucht?

Ihre tauben Finger legen Waren in bunten Verpackungen auf das Band, über das die Kassiererin routiniert die Kontrolle ausübt. Sie ist sich ihrer Macht gar nicht bewusst. Verenas Welt schnurrt in Gummibandgeschwindigkeit auf die Größe eines Nussschaleninhalts zusammen. Wenn sie das Brot nicht bezahlt, wird sie nichts zu essen im Haus haben, wird sie beobachten müssen, wie das Loch in ihrem Magen in ihren Verstand ausstrahlt. Aber sie kann nicht atmen. Sie kann nicht schlucken. Obwohl sie überzeugt ist, dass sie beides zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihres Lebens gelernt haben muss, gehorcht ihr Körper nicht.

„Entschuldigen Sie, ich…“, mit ihrem Ellbogen schiebt Verena sich an einer Kundin vorbei, deren Multifunktionsjacke hauptsächlich aus mit etwas Stoff vernähten Reißverschlüssen besteht. Der Körperkontakt ekelt sie, obwohl sich die Frau bei näherer Betrachtung als wohltuend attraktiv und gepflegt herausstellt. Sie ist so akkurat hergerichtet wie das Rasenstück eines Kurorts. Aus ihrem Nacken weht ein blumiger Duft. Und doch: Verenas Körper ist ein Vehikel des Wahns Richtung Abgrund, irgendwie ungegenständlich. Wohingegen diese Frau es sich erlaubt, in ihrer selbstverständlichen Körperlichkeit dort zu stehen wie eine massive Eiche.

­“Darf ich mal…“, Verena räuspert sich. „vorbei, ich muss, ich habe“, sie holt tief Luft, „vergessen. Etwas. Ich, im Auto.“

Fragmente einer Sprache lösen sich wie Diamanten aus einer Mine. Noch unbearbeitet und mit bloßem Auge kaum als die Kostbarkeit zu erkennen, die sie sind, rollen sie auf den gefliesten Boden des Supermarkts.

Niemand hebt sie auf.

Verena schlägt mit den Ellbogen zuerst auf; wahrscheinlich bei dem naiven Versuch, sich noch abzustützen.

Niemand hebt sie auf.