Bettkastenguerilla

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Bild: Stocksnap.io

Ich lag unter dem weichen Flaum startender Raketen.

Der blaue Frotteestoff meiner Bettdecke lastete, den ganzen Himmel symbolisierend, unverdrossen auf mir. Erfüllte damit seinen Zweck und seine Aufgabe. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich hatte es schwerer. Für mich reichte es nicht aus, irgendwo träge herumzuliegen, bloß zu sein, ohne Wenn und Aber. Meine Existenz musste ich mir irgendwie verdienen, auch wenn ich nicht wusste, worin dieser Verdienst bestehen könnte. Ich war keinem nützlich und für niemanden wertvoll, außer vielleicht für die schreiend bunten Flugobjekte, die jede Nacht auf mir ins All entwischten. Ich war die Start- und Landebasis für große Weltentdecker, für Überflieger und Grenzenlose. Gern hätte ich das jemandem erzählt. Noch lieber wäre ich mit geflogen.

Ich war zwölf Jahre alt und hatte in der Dunkelheit mehr Angst vor meinem eigenen Schatten als vor den Monstern unter meinem Bett. Die leisteten mir schließlich, davon war ich überzeugt, so beständig Gesellschaft als gäbe es nichts Vergnüglicheres als meine Gegenwart. Gelegentlich verloren sie einzelne weiche Haare, die sich als Knäuel mit allerlei Unrat zu einem Häuflein verwirrten, das meine Mutter despektierlich „Staub“ nannte. Für mich aber waren es Beweise einer mir zugewandten Spezies, die jederzeit woanders ihr Unwesen hätte treiben können; wenn es bei mir nicht warm, trocken und wundervoll gewesen wäre. Ich nannte sie liebevoll die „Bettkastenguerilla“,auch wenn ich damals nicht wusste, was „Guerilla“ bedeutete. Ich hatte das Wort vor kurzem aufgeschnappt, mehr zufällig, als ich im Pyjama die Nachrichten sah. Und den Bildern nach zu urteilen, die über unseren Röhrenfernseher huschten, war die Guerilla etwas Kämpferisches, etwas Wehrhaftes. Etwas, das sich verbarg in Gestrüpp und Unterholz und so exzellent tarnte wie meine Genossen der Nacht.

Und trotzdem ich von meiner flusigen Guerilla niemals mehr als ihre wattigen Hinterlassenschaften fand, schien sie mir immer schon präsenter zu sein als meine Eltern. Deren Hinterlassenschaften sammelten sich in Form von Wein-, Schnaps- und Bierflaschen fast überall in der Wohnung und rotteten sich zu Grüppchen zusammen. Ihre Hinterlassenschaften waren nicht weich und samtig. Ihre Hinterlassenschaften zeugten nicht davon, dass sie gern bei mir waren. Sie zeugten, wenn überhaupt, all die Jahre nur davon, dass sie genauso ungern bei sich selbst waren.

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