Herbert

stocksnap_7lmgb4ukg21Bild: Stocksnap.io

Herbert stand bedrohlich schwankend vor dem Hähnchengrill und schrie gelöst: „Siebzehn Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir.“

Seine Haare dünn und ätherisch wie ergraute Reste Zuckerwatte, seine Hände knochig wie versteinerte Fossilien. Wer Herbert sah, im Vorbeigehen oder aus dem Augenwinkel, sah die Vergänglichkeit auf Erden einkehren und fühlte sich unbehaglich. Die Einkaufstaschen wurden schwerer, der Gang schleppender, die Atmung eigenartig pfeifend. Der alte Mann am Hähnchengrill war ein Memento mori des Alltags, das in gütigem Rausch die Jugend anrief.

„Siebzehn Jahr, blondes Haar“, er schien ins Stocken geraten zu sein und suchte in der klaren Flüssigkeit vor sich nach einer Lösung für das Problem. Aus der Brusttasche seiner Jacke ragte unbedarft eine gelbe Gerbera.

„Siebzehn Jahr, blondes Haar“, begann Herbert voller Hoffnung seine Litanei von vorn. Irgendwann würde ihm schon einfallen, wie es weiterging. Irgendwie war es ja immer weitergegangen im Leben.

„Siebzehn Jahr, blondes…“

„Herrgott nochmal, Herbert!“, aus dem mobilen Hähnchengrill schnellte ein verschwitzter Kopf hervor. „Leg mal ’ne andere Platte auf.“

„Hä?“

Herbert war unterdessen eine innige Beziehung mit dem Stehtisch aus Kunststoff eingegangen, an dem er sich auf der Suche nach seinem Text in pathetischem Gestus festklammerte.

„Du sollst mal was anderes singen!“

„Aber ich weiß nich‘, wie’s weitergeht. Siebzehn Jahr, blondes Haar, dann is‘ Schluss. Das is’“, er legte die Stirn in Falten, „wie ne Straßensperre auf der Datenautobahn da oben“. Er tippte sich an die Schläfe und lächelte wie ein Kämpfer, der weiß, dass er verlieren wird. „Da is‘ jetz Geschwindigkeitsbegrenzung, Lutz.“

„Ach, bloß Stau.“, gab der wider besseren Wissens zu bedenken, während sich in seinem Rücken die Hähnchen drehten. „Das wird.“

„Haste noch?“, fragte Herbert und hielt sein Schnapsglas wie eine Trophäe in die Höhe.

„Freilich.“

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