Manderley

von literaturen

Sein Bart sitzt schief.

Vereinzelte Stoppeln haben sich von der Herde gelöst und in Regionen weiter nördlich angesiedelt. Autark sprenkeln sie seine rechte Gesichtshälfte und lassen ihn und seinen Bart wie zwei Puzzleteile aussehen, die nicht aneinander passen. Ich werfe einen Blick in den Milchschaum vor mir, der ergeben in den kalten Kaffee sinkt. Seit Stunden schon sitze ich hier. Ich wusste, dass er irgendwann kommen würde und hier war er; selbstsicher, vielleicht schuld-, mindestens aber arglos. Monatelang habe ich recherchiert, beobachtet und zufällig seinen Weg gekreuzt als sei ich statt in diesem wankenden Leben mitten in einer pulitzerverdächtigen Story. Ich habe mich ins Zeug gelegt und dieses Zeug war enttäuschend oft ein durchgeschwitztes Bettlaken.

In meinem Körper breitet sich ein Kribbeln aus, das dem Adrenalin oder dem Koffein geschuldet sein kann. Mit tauben Fingerkuppen picke ich winzige Zuckerkristalle vom Resopaltisch und lasse sie in meinen Kaffee gleiten. Ich will Ordnung schaffen. Ich will, dass alles seinen Platz hat, seine Bestimmung und seinen Zweck. Ich muss mich bemühen, ihn nicht anzustarren als sei ich besessen, von ihm oder ganz allgemein, obwohl das vermutlich zutreffender ist, als ich mir eingestehen will.

Seine Gestik ist ausholend, seine sonore Stimme wie ein Mantel, den man sich als Schutz vor Kälte und Ungemach lässig über die Schulter drapieren möchte. Er ist klein, dicklich und kompakt. Angenehm überschaubar, rein körperlich gesehen. Von seinem Geist weiß ich nichts.

Ich versuche, in ihm ein Stück von mir zu entdecken, eine Kleinigkeit nur. Es ist die Hälfte meiner Gene, die dort sitzt und mit gerunzelter Stirn die Tageszeitung liest. Vielleicht zucken seine Augenlider, wenn er nervös ist. Vielleicht bahnt sich seine Zungenspitze unbemerkt einen Weg durch seine leicht geöffneten Lippen, wenn er sich konzentriert. Früher schon und jetzt erst recht. Früher aus Nachlässigkeit, jetzt aus Hingabe. Er lacht laut und ich zucke so plötzlich zusammen, dass ich mit dem Ellbogen die Kaffeetasse erwische.

»Ach scheiße.«

Ich spüre seinen Blick auf mir. Er ist unbeteiligt. Was auch sonst? Vielleicht belächelt er meine Ungeschicklichkeit oder schilt meinen Mangel an Beherrschung, ich kann es nicht sehen. Stattdessen starre ich reglos auf den Kaffee, der sich Stück für Stück Territorium auf dem Tisch erobert. Bevor ich der Inbesitznahme Einhalt gebieten kann, steht bereits ein beflissener Kellner vor mir, der mit ermutigendem Blick so sanft über den Tisch tupft und streicht als wolle er ihn trösten.

Wer tröstet mich eigentlich?

Ich bringe ein gepresstes »Entschuldigung« hervor und setze mich wieder. Er sieht längst nicht mehr herüber, hat mich bereits abgehakt als irgendeine wirre Frau, die im Café zwar Chaos anrichtet, aber nicht beseitigt. Ich wiederum kann ihn nicht abhaken. Er ist keine To Do Liste, deren Erledigung Glückshormone freisetzt. Ich kann ihn nicht erledigen. Ich bin keine Auftragsmörderin.

Er ist mein Vater und weiß es noch nicht.

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